Wie ein Mann den dritten Weltkrieg verhinderte

Wir schreiben das Jahr 1983. Der kalte Krieg befindet sich in seiner Hochphase. Der „Freie Westen“ um die USA und der kommunistische „Ostblock“ unter Führung der Sowjetunion stehen sich gegenüber. Sollte die Lage eskalieren, könnte es jede Sekunde zum Atomkrieg kommen. Viele haben schon ihre Koffer gepackt, bereit, in die Bunker zu verschwinden. Stanislaw Jewgrafowitsch arbeitet für ein Raketenabwehrsystem nahe Moskau. Im Falle eines Angriffs westlicher Raketen muss schnell gehandelt werden.

An jenem 26. Februar hat Petrow eigentlich einen freien Tag. Da sein Kollege jedoch krankheitsbedingt nicht zur Arbeit erscheinen kann, muss Petrow die Nachtschicht übernehmen. Es ist eine Routinearbeit für ihn, er soll sich einfach nur auf die Frühwarnsysteme verlassen. Etwaige Raketentests zwischen der Sowjetunion und den USA werden kommuniziert, um Missverständnisse zu vermeiden.

In jener Nacht, um 00:15 Uhr, heulen plötzlich die Sirenen auf. Das Frühwarnsystem meldet eine von den USA aus gestartete Rakete. Noch bevor Petrow die Informationen genauer untersuchen kann, wird der Alarm automatisch an höhere Kommandoebenen weitergegeben. Man weiß: Eine Rakete aus den USA braucht nur etwa eine halbe Stunde, bis sie Moskau erreicht. Petrow bleibt ruhig. Spätestens nach 15 Minuten müsste die Rakete auf seinem Radar angezeigt werden. Er wartet und wartet. Nach einer Viertelstunde ist nichts zu sehen.

Petrow steht vor einer für die gesamte Menschheit wichtigen Entscheidung. Etliche Leben stehen auf dem Spiel. Sollte er den Vorfall tatsächlich als Fehlalarm einstufen, geht er ein immenses Risiko ein. Was, wenn das Frühwarnsystem recht hat? Was, wenn die Rakete schon auf direktem Weg ist? Andererseits wäre es genauso riskant, den Angriff zu bestätigen. Sofort würden Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, auch wenn womöglich gar keine Rakete Richtung Russland unterwegs ist.

Petrow entscheidet sich für Ersteres. Er teilt seinen Vorgesetzten per Telefon mit, dass es sich um einen Fehlalarm handle. Damit misstraut er dem System, bei dessen Planung und Bau er selbst mitgewirkt hatte.

In der Nacht kommt es noch zu vier weiteren Alarmen. Jedes Mal wertet Petrow sie als Fehlalarm. Jedes Mal lag er richtig. Nie hatte eine Rakete Russland erreicht. Das Frühwarnsystem hatte sich geirrt.

Der Vorfall kommt erst viele Jahre später ans Licht. Er sollte geheim gehalten werden. Niemand sollte erfahren, dass die sowjetischen Systeme fehlerhaft arbeiten. Auch der Grund für die Fehlalarme konnte ermittelt werden: Ein Satellit hatte Reflexionen von Sonnenstrahlen für den Schweif einer startenden Rakete gehalten.

Fest steht: Ohne Petrow wäre der vermeintliche Raketenangriff nicht hinterfragt worden, man hätte wohl zurückgeschlagen. Der dritte Weltkrieg hätte nicht mehr verhindert werden können.

von Henri Ausburg